Sie wollen Linux ausprobieren, aber die Windows-Installation soll bleiben? Gute Entscheidung. Der Klassiker, um beides auf einem Rechner zu haben, ist ein Dual-Boot-System. Und entgegen mancher Horrormeldung aus Foren von 2007 ist das heute kein Raketenwissenschaft mehr, vorausgesetzt, Sie wissen, an welchen drei Schaltern Sie drehen müssen.
Die größte Hürde ist nicht die Installation selbst. Die Anleitungen der großen Distributionen wie Ubuntu, Fedora oder Linux Mint machen das ziemlich narrensicher: Sie wählen « Neben Windows installieren », der Assistent verkleinert die Windows-Partition und richtet Linux auf dem freigewordenen Platz ein. Fertig. Was wirklich schiefgehen kann, passiert meist vorher und hat mit den Sicherheitsfunktionen Ihres Rechners zu tun.
Secure Boot ist nicht Ihr Feind, aber Sie müssen ihn verstehen
UEFI und Secure Boot klingen nach einer Blackbox. Die dazu passenden BIOS‑Menüs kommen bei jedem Hersteller anders daher, und der Fehlerteufel steckt im Detail. Wer hier blind die Voreinstellungen lässt, wundert sich später, warum der Linux-USB‑Stick nicht bootet oder Grub nach dem ersten Neustart einfach verschwindet.
Das Problem in Kurzform: Secure Boot erlaubt nur den Start von Betriebssystemen, deren Bootloader kryptografisch signiert sind. Die großen Linux-Distributionen haben ihre Bootloader signieren lassen. Ubuntu, Fedora, openSUSE und Co. kommen mit Secure Boot klar. Hakt es trotzdem, liegt es oft an einer unglücklichen BIOS‑Version, einem zu alten Mainboard oder daran, dass der Rechner im Legacy‑Modus (CSM) statt im nativen UEFI‑Modus läuft.
Der häufigste Stolperstein ist ein Modus‑Mix. Wurde Windows im UEFI‑Modus installiert, Sie booten den Linux‑Stick aber im Legacy‑Modus (oder umgekehrt), findet der Installer die Windows‑Partition gar nicht erst. Statt « Neben Windows installieren » bietet er dann nur noch das Löschen der kompletten Platte an, und an genau dieser Stelle haben schon einige aus Versehen ihr Windows mitgenommen. Beide Systeme müssen im selben Modus laufen. Ist das geklärt, läuft der Rest von allein.
Konkret heißt das: Schauen Sie vor der Installation einmal ins BIOS. Deaktivieren Sie CSM oder stellen Sie es auf « UEFI only ». Die Secure‑Boot‑Option lassen Sie normalerweise an, es sei denn, Sie verwenden eine Nischendistribution oder selbst kompilierte Treiber. Wenn Sie unsicher sind, hilft folgender Test: Schalten Sie Secure Boot vorübergehend aus, starten Sie den Live‑USB‑Stick und prüfen Sie, ob WLAN, Grafik und Sound funktionieren. Erst danach entscheiden Sie, ob Secure Boot anbleibt oder nicht.
Vorbereitung: Platz schaffen, ohne Windows zu löschen
Linux braucht Platz auf der Festplatte. Nicht viel: Für ein Alltagssystem mit Bürosoftware und ein paar Extras reichen 35 bis 50 Gigabyte. Wer größere Datenmengen lagert oder Spiele über Steam/Proton ausprobieren will, plant eher 100 Gigabyte oder mehr ein.
Der sicherste Weg, diesen Platz zu gewinnen, ist eine Verkleinerung der Windows‑Partition mit den Windows‑eigenen Mitteln. Öffnen Sie die Datenträgerverwaltung (Rechtsklick auf das Windows‑Startmenü), suchen Sie die Partition C: und wählen Sie « Volume verkleinern ». Der Assistent zeigt Ihnen an, wie viel Speicher maximal freigegeben werden kann. Lassen Sie ein komfortables Polster für Windows übrig, falls dort später Programme oder Updates Platz brauchen. 80 Gigabyte sollten für Windows 10/11 in den meisten Fällen dicke ausreichen.
Ein Vollbackup Ihres Windows‑Systems gehört vor diesen Schritt. Nicht, weil die Verkleinerung oft schiefgeht (das tut sie selten), sondern weil Sie mit Partitionen hantieren und ein Stromausfall oder ein Tippfehler im falschen Moment das Dateisystem ruinieren kann. Ein Systemabbild auf einer externen Festplatte gibt Ihnen die Sicherheit, dass Sie im Zweifelsfall weitermachen können.
Wenn die Verkleinerung abgeschlossen ist, sehen Sie in der Datenträgerverwaltung einen grauen Bereich mit dem Label « Nicht zugeordnet ». Dort wird später Linux landen. Formatieren oder partitionieren Sie diesen Bereich nicht mit Windows, das übernimmt der Linux‑Installer selbst.
Linux auf dem USB‑Stick: Live‑System statt Blindflug
Den Installations‑USB‑Stick erstellen Sie mit einem Tool wie Rufus (Windows) oder dem Startmedienersteller unter Linux. Wie das genau geht, beschreiben wir in unserem separaten Beitrag zum Linux‑USB‑Stick erstellen. Wichtig: Wählen Sie im Tool die Option « GPT » als Partitionsschema, falls Ihr Rechner im UEFI‑Modus läuft, und das sollte er.
Stecken Sie den Stick ein, starten Sie neu und drücken Sie beim Hochfahren die Taste für das Boot‑Menü (oft F12, F9 oder Esc). Wählen Sie den USB‑Stick aus. Fast jede große Distribution startet dann einen Live‑Modus, bei dem Sie das komplette System vom Stick nutzen können, ohne etwas auf der Festplatte zu verändern.
Nutzen Sie diese Chance. Prüfen Sie WLAN, Bluetooth, Ton, Bildschirmauflösung und Akkustand, bevor Sie etwas installieren. Wird hier alles sauber erkannt, stellt sich Linux auch nach der Installation nicht quer. Hakt es an einer Stelle, wissen Sie jetzt, dass Sie Treiber nachinstallieren müssen, und können entscheiden, ob sich der Aufwand lohnt.
Der entscheidende Klick: « Neben Windows installieren »
Der Installer einer modernen Linux‑Distribution ist ein Assistent, der Sie in zehn Minuten ans Ziel bringt. Sprache wählen, Tastaturlayout, Netzwerkverbindung, das meiste ist trivial. Der alles entscheidende Schritt kommt, sobald Sie nach dem Installationstyp gefragt werden.
Sie sehen dann in der Regel drei Optionen:
- Festplatte löschen und Linux als einziges System installieren
- Neben Windows installieren (oder « Anderes Betriebssystem beibehalten »)
- Eigene Partitionierung (manuell)
Sie wählen natürlich die zweite Option. Der Installer zeigt Ihnen daraufhin an, wie viel Platz er von der Windows‑Partition nehmen wird, oder er erkennt den nicht zugeordneten Bereich, den Sie vorhin vorbereitet haben. In beiden Fällen richtet er dort eine Ext4‑Partition für Linux und eine kleine Swap‑Partition ein. Sie können die Größen meist per Schieberegler anpassen, müssen es aber nicht.
Überlassen Sie dem Installer das Feld. Er partitioniert die ungenutzte Fläche, installiert den Bootloader (Grub) und sorgt dafür, dass Sie nach dem Neustart ein Menü sehen, in dem Sie zwischen Windows und Linux wählen können. Mehr brauchen Sie nicht zu tun.
Eine manuelle Partitionierung ist nur dann nötig, wenn Sie eine separate /home‑Partition möchten (damit Ihre persönlichen Daten bei einer späteren Neuinstallation erhalten bleiben) oder wenn Sie mehrere Linux‑Distributionen nebeneinander betreiben wollen. Das ist aber schon ein Thema für einen fortgeschrittenen Artikel.
Nach der Installation fordert Sie der Assistent auf, den USB‑Stick zu entfernen und neu zu starten. Sie sehen dann das Grub‑Menü. Der erste Eintrag ist Ihr neues Linux, weiter unten steht der Windows Boot Manager. Beides funktioniert jetzt parallel.
Wenn Windows den Bootloader ignoriert
Ein Problem, das vor allem bei einigen Herstellern auftritt: Nach der Installation taucht Grub nicht auf, der Rechner startet direkt Windows. Das liegt daran, dass das BIOS die Boot‑Reihenfolge automatisch zugunsten des Windows Boot Managers geändert hat, oder weil der Linux‑Bootloader nicht in die EFI‑Partition geschrieben wurde.
Die Reparatur ist einfach, aber sie erfordert einen zweiten Rechner oder einen funktionierenden Live‑USB‑Stick. Starten Sie mit dem Stick, öffnen Sie ein Terminal und installieren Sie das Tool boot-repair (bei Ubuntu über sudo apt install boot-repair). Nach dem Start des Programms klicken Sie auf « Empfohlene Reparatur », folgen den Anweisungen und starten neu. In den allermeisten Fällen ist das Problem danach behoben.
Weniger aufwändig ist der präventive Check direkt nach der Installation: Gehen Sie noch vor dem ersten Windows‑Start ins BIOS und setzen Sie « Ubuntu » (oder den Namen Ihrer Distribution) als ersten Eintrag in der Boot‑Reihenfolge. Dann kann Windows sich die Priorität nicht mehr zurückholen.
Warum die Uhr plötzlich falsch geht, und wie Sie das richten
Nach dem Umschalten geht plötzlich die Uhr falsch. Schuld sind zwei Zeitstandards: Windows erwartet die Hardware‑Uhr in Lokalzeit, Linux in UTC.
Am saubersten bringen Sie Windows bei, ebenfalls UTC zu nutzen. Ein einmaliger Registry‑Eingriff genügt. Öffnen Sie die Eingabeaufforderung als Administrator:
reg add "HKEY_LOCAL_MACHINE\System\CurrentControlSet\Control\TimeZoneInformation" /v RealTimeIsUniversal /t REG_DWORD /d 1 /f
Nach einem Neustart stimmt die Zeit in beiden Systemen. Die Linux‑Variante (timedatectl set-local-rtc 1) funktioniert auch, macht aber bei der Sommerzeitumstellung mehr Ärger.
Erste Schritte in Ihrem neuen Parallel‑Universum
Linux läuft. Sie haben ein Grub‑Menü und können beim Hochfahren wählen.
Die erste Aufgabe ist meist das Installieren von Programmen. Anders als unter Windows laden Sie Software nicht aus dem Netz herunter, sondern aus den Paketquellen Ihrer Distribution. Das klingt umständlich, ist aber einfacher, sobald Sie es einmal begriffen haben. Was Sie tun müssen, erklären wir Schritt für Schritt im Artikel zum Programme unter Linux installieren.
Praktisch: Sie können von Linux aus auf Ihre Windows‑Daten zugreifen. Die Windows‑Partition wird im Dateimanager eingehängt, und Sie können Dokumente, Bilder oder Musik hin‑ und herschieben. Umgekehrt ist das nicht ohne Weiteres möglich, Windows zeigt das Ext4‑Dateisystem von Linux schlicht nicht an. Wenn Sie Daten austauschen wollen, legen Sie den gemeinsamen Ordner also auf der Windows‑Seite an.
Und wenn Sie Ihre Arbeitszeit künftig systemübergreifend erfassen möchten, haben wir eine kostenlose Excel‑Vorlage zur Zeiterfassung, die auch unter LibreOffice Calc fehlerfrei läuft.
Fragen, die nach der Installation immer wieder auftauchen
Kann ich Linux neben Windows 11 installieren?
Ja. Die Hardware‑Anforderungen von Windows 11 (TPM 2.0, Secure Boot) sind kein Hindernis für Linux. Einige Hersteller legen das BIOS allerdings so restriktiv aus, dass Sie unter Umständen Secure Boot deaktivieren müssen. Die gute Nachricht: Linux Mint, Ubuntu und Fedora kommen auch mit aktiviertem Secure Boot und TPM klar. Bei sehr neuen Laptops kann es vorkommen, dass die Linux‑Treiber für WLAN oder Sound noch nicht im Kernel enthalten sind. Hier hilft der Live‑Test vorab.
Was passiert mit meinen Windows‑Daten?
Ihre vorhandenen Windows‑Daten und Programme bleiben unangetastet, wenn Sie die Partition verkleinern und « neben Windows installieren » wählen. Ein Restrisiko besteht immer, deshalb ist das Backup nicht verhandelbar. Nach der Installation können Sie, wie oben beschrieben, von Linux aus auf Ihre Windows‑Ordner zugreifen.