Filmkritik: The Wolf of Wall Street – Mit Vorsicht zu genießen

Jordan Belfort ist ein junger Amerikaner mit einem Ziel: Er möchte Millionär werden. Deswegen geht er an die Wall Street, um als Stockbroker zu arbeiten. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gründet er schließlich seine eigene Investment-Firma, welche ihn -nicht ganz illegal- zum Multimillionär macht. Was folgt, sind Drogen- und Partyexzesse, die ihresgleichen suchen. Allerdings steht ihm das FBI auf den Füßen, was an seinem Lebenswerk rüttelt.

Diese Geschichte schreit nach einer Scorsese-Verfilmung. Kein anderer Regisseur vermag es, Milieustudien so faszinierend, so unterhaltsam, so atmosphärisch, so kompromisslos und so
gekonnt zu inszenieren (seltsamerweise bekam er aber nur für „The Departed“ einen Oscar- bei weitem nicht sein stärkster Film). Auch diesmal gelingt es ihm auf ganzer Linie- so viel sei gesagt. „The Wolf of Wall Street“ ist eine Mischung aus „The Goodfellas“ und „Casino“- beides filmische Meisterwerke aus den 1990ern. Dennoch erreicht „Wolf“ nicht ganz deren Niveau. Wieso und weshalb, erfahrt ihr im späteren Verlauf dieser Filmdiskussion.

Jedoch zunächst ein paar Worte zur Umsetzung. Jene strotzt nut vor Kreativität. Sei es der Monolog mit dem Zuschauer (House of Cards jemand?), die Rückblenden (Lamborghini-Szene), die Visualisierung der Drogenexzesse, der Schnitt, der Soundtrack- einfach alles sitzt. Die Tatsache, dass Martin Scorsese den Film in Eile zusammenschnitt, um noch im diesjährigen Oscar-Rennen mitmischen zu dürfen, merkt man dem Film nicht an. Trotz drei-stündiger Dauer wirkt er rund und langweilt zu keinem Zeitpunkt. Da gab es in den letzteren Jahren schlechtere Beispiele- Filme, welche aus selbigem Grund eher rasant als sorgfältig zusammengeschnitten wurden und somit unfertig sowie unausgewogen wirkten (Stichwort: Django Unchained). Scorsese hat sein ganz Know-How und Können einfließen lassen- kurz gesagt: der Film sieht gekonnt stylisch aus und fühlt sich einfach fantastisch an. Aber nichts anderes kann man von dem Meisterregisseur erwarten.

Gespielt wird Belfort von Leonardo DiCaprio, welcher größtenteils wie entfesselt aufspielt. Besonders stark sind die Szenen, in denen er an seine Grenzen geht (Lemmon-Pillen, Ehestreit, Ansprache an Mitarbeiter). Allerdings gibt es welche, in denen Leo einfach Leo ist. Dass soll seine Leistung nicht schmälern, aber meines Erachtens müsste er wiederholt bei der Verleihung des Oscars leer ausgehen. Persönlich fand ich den von Chiwetel Ejiofor gespielten Solomon in „12 Yeas A Slave“ noch um Nuancen intensiver und beeindruckender. Das spiegelt allerdings meine persönliche Meinung wieder und soll nicht darüber hinwegsehen, dass DiCaprio hier abermals brillante Arbeit leistet (kein anderer Schauspieler hat eine bessere Rollenwahl). Er verleiht dem eigentlich perversen und widerwärtigen Belfort Wärme und sympathische Züge. Von seiner Figur geht eine Faszination aus, der sich der Zuschauer kaum entziehen kann.
Ebenfalls überzeugen kann Jonah Hill, dessen Rolle als  Belforts Partner Donnie Azoff (größtenteils improvisiert) ihm seine bereits zweite Oscar-Nominierung einbringt. Dass er ihn auch erhält, dürfte allerdings auf Grund der starken Konkurrenz (Jared Leto, Michael Fassbender) höchst unwahrscheinlich bleiben.
„The Wolf“ kann zahlreiche weitere Charaktere (allesamt toll gespielt, insbesondere Rob Reiner als Belforts Vater Max Belfort) aufbieten, von denen ich allerdings noch zwei gesondert hervorheben möchte. Zum ersten, den von Matthew McConaughey (bewundernswerte Entwicklung ) schier überragend gespielten Mark Hanna, dessen Szene mit Belfort einfach urkomisch ist und zu den absoluten Highlights des Films (ebenfalls: Flugzeug-Szene!) gehört. Zum zweiten, Belferst zweite Ehefrau Naomi, welche von der 23-jährigen Australierin Margot Robbie (merkt euch den Namen!) famos verkörpert wird. Verkörpert trifft es gut, ihre Sexyness (Kinderzimmer-Szene) und wahnsinnige Attraktivität wird so manchem Zuschauer glücklich und so manche Zuschauerin neidisch machen. Sie ist eine der Hauptentdeckungen in „The Wolf“ und dürfte in eine rosige Zukunft blicken.

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Der Film ist hemmungslos. Hier wird geflucht bis zum Umfallen (569-mal „Fuck“), es gibt Sex, Party und Drogen am Fließband. Das ganze ist höchst unterhaltsam und bietet einige Szenen auf, welche das Zeug zum Kultstatus haben (Jonah Hills Szene auf der Poolparty oder die bereits angesprochene Lemmon-Szene). Alles wirkt verdammt stylisch und dürfte so speziell beim jungen Publikum punkten. Der gesamte Film macht einfach Spaß (der humorvollste Film seit langem), aber das bergt auch meiner Meinung nach das Hauptproblem. „The Wolf of Wall Street“ mangelt es an Tiefe und Substanz. Ja, sicher ist solch ein Leben auf eine gewisse Art und Weise beneidenswert- Wer würde nicht gerne in Saus und Braus leben?-,allerdings ist das uns vorgezeigte Leben illegalen Ursprungs und genau jener wird zu stark glorifiziert und heroisiert. Bis auf die vermeintliche Abdank-Rede (Mitarbeiterin) hat man zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass der Film ausreichend reflektiert. Manch einer mag sagen, dass Scorseses Werk sich Objektivität bewährt, jene fehlt mir aber in den bereits angesprochenen und unterhaltsam inszenierten Party-, Drogen- und sämtlichen anderen Geldvernichtungsexzessen. Diesbezüglich geht mir schlichtweg die Balance abhanden, weshalb er letztendlich nicht an das Niveau von „Goodfellas“ herankommt, welcher sowohl den Aufstieg und Abstieg effektiv und sorgfältig darstellt. Besonders die Szenen mit dem FBI böten höheres Potenzial, allerdings bleibt der von Kyle Chandler gespielte Patrick Derham recht blass, weil ihm der Film nicht mehr Raum zur Entfaltung gewährt. Und was ist eigentlich mit den zahlreichen Opfer der Finanzkriminalität? Wie viele Familien, wie viele Existenzen werden durch den Betrug zerstört? Inwiefern sind die Machenschaften von Belfort illegal? Solche Fragen werden zu keinem Zeitpunkt aufgegriffen. Habgier, Drogensucht und Verschwendung in ihren perversesten Formen haben Priorität und werden dementsprechend zu viel Raum gegeben. Schade.

Dennoch wird der Film beim Publikum positiv ankommen, da er auf aller höchstem Niveau zu unterhalten weiß. Hier geht es wild und überzogen zur Sache. Allerdings fehlt es „The Wolf of Wall Street“  an Konsequenz und Tiefe, um großartig zu sein. Vielleicht ist es aber auch gar nicht seine Absicht.

Fazit:

Scorsese nutzt abermals sein ganzes Können, um das Publikum bei einer Milieustudie teilhaben zulassen. Dabei bietet seine absichtlich überzogene Satire eine tolle Schauspielerriege sowie urkomischen Humor auf. Allerdings fehlt es dem stets unterhaltsamen und überaus lustigen Film an Tiefe und Reflexion, um sich bei Scorseses vorigen Meisterwerken à la „Goodfellas“ einreihen zu können. Filmisch super, moralisch teils fragwürdig!

[tl-film 16. Januar 2014#Martin Scorsese#Leonardo Di Caprio, Jonah Hill, Margot Robbie#4#Drama, Krimi, Biografie]

[tl-bildquelle-all https://www.facebook.com/Wolf.of.Wall.Street.DE/photos_stream Official Facebook Page of Wolf of Wallstreet]

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