Filmkritik: Prisoners – beklemmend gut

Ich oute mich hiermit als Fan des Krimis. Dabei meine ich nicht, bei allem Respekt, einen 08/15-„Tatort“ oder sonstige Kriminalfilme, die heutzutage in Dauerschlaufe auf der Mattscheibe laufen. Dabei zeichnet sie oft Folgendes auf: formelhafte und voraussehbare Drehbücher, dürftige Schauspielerleistungen und mangelnde handwerkliche Umsetzung (allgemein bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, trotz GEZ-Milliarden). Im Kino ist der Krimi leider eine aussterbende Art bzw. verkommen viele Filme zu Slasher- und Actionhrillern (I, Robot), offenbaren ein Logikloch nach dem anderen oder fungieren nur als billiger „Sieben“-Abklatsch, DEM Kriminalfilm schlechthin. Somit bleibt die Liste guter Krimis leider recht überschaubar. Hier ein paar Empfehlungen: Zodiac, Sieben, Verblendung, L.A. Confidential, Roter Drache, Blutmond, Das Schweigen der Lämmer, Im Tal von Elah, Chinatown, Blade Runner.

Doch was zeichnet  diese Filme aus? Eine intensive Atmosphäre, herausragende Darstellerleistungen und packende Geschichten, die fesseln und nachwirken. Ein guter Krimi lässt einen miträtseln und sobald man erlöst wird, wünscht man sich, man könne die Zeit zurückdrehen und wieder von vorne anfangen (ähnlich ergeht es mir beim Essen).

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 Mit „Prisoners“ bekommt der Zuschauer endlich wieder solch einen Film. Es wurde auch mal Zeit!

Die zwei Nachbarsfamilien Dover und Birch treffen sich zum Thanksgiving. Als die beiden kleinen Töchter Anna Dover and Joy Birch nach dem Essen spurlos verschwinden, bricht Panik aus. Schnell wird der Fahrer bzw. die Fahrerin eines Wohnwagens als Verdächtige/r ausgemacht, nachdem jener Wohnwagen in der behutsamen Kleinstadt gesichtet wurde. Detective Loki (Jake Gyllenhaal) kann den Fahrer names Alex Jones (Paul Dano) schließlich festnehmen. Von den beiden Mädchen fehlt jedoch weiterhin jede Spur und Jones beteuert seine Unschuld. Pikant ist dabei, dass Jones den IQ eines 10-Jährigen besitzt und man ihm solch eine Tat aus polizeilicher Sicht nicht zutraut und auch nicht nachweisen kann. Als er schließlich wieder freigelassen wird, konfrontiert ihn Keller Dover (Hugh Jackman) gewaltsam, wobei Jones ihm etwas zuflüstert. Überzeugt von Alex’ Schuld nimmt Dover das Gesetz selber in die Hand und das Unheil nimmt seinen Lauf.

„Prisoners“ ist nicht nur gänzlich ein Krimi, es handelt sich auch um eine Charakterstudie. Wozu ist ein scheinbar guter Mensch in der Lage, wenn dieser in eine Ausnahmesituation versetzt wird? Wie weit würdest du gehen, um deine Tochter zu retten? Hat ein potentieller Mörder Rechte? Und was ist mit christlichen Werten wie die Nächstenliebe, gelten sie in manchen Situationen nicht mehr (religiöse Heuchlerei?)? Ist Folter zu rechtfertigen (Verweis auf Guantanamo?)?

An dieser Stelle soll nicht ungesagt bleiben, dass jeder Charakter in diesem Film etwas verbirgt, eine dunkle Seite in sich hat, welche in jeweiliger Extremsituation –oft zum Leid eines anderen- zum Vorschein kommt. Es ist förmlich erschreckend, wie schnell jegliche Moralvorstellung von Board geschmissen wird. Doch würden wir nicht genau so handeln? Sinnbildlich steht dafür die trügerische Kleinstadt, in denen sich an der Oberfläche ein Häuschen nach dem anderen idyllisch aneinander reiht. In den Kellern aber, offenbaren sich die abgründigen Seiten oder Ängste der Personen. Es stellt sich die Frage: Ist die Gesellschaft nur ein oberflächliches Gefüge?

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Dieser Krimi hinterlässt beim Zuschauer viele Fragen. Mit den Credits ist der Film nicht zu Ende, ganz im Gegenteil, dann fängt er im Kopf des Zuschauers erst richtig an. Großartig!

Schauspielerisch befindet sich der Film auf aller höchstem Niveau. Paul Dano (verstörend) und Melissa Leo (beklemmend) brillieren in ihren Nebenrollen. Hugh Jackman überzeugt als manischer, mit Gottesfurcht geplagter Do-It-Yourself-Man, kratzt aber ab und an der Grenze zum Over-Acting. Terrence Howard, Viola Davis und Maria Bello haben eher kleine Parts, können jene aber Tiefe verleihen. Der wirkliche Star ist aber Jake Gyllenhaal. Der von ihm gespielte Polizist wirkt bedrohlich und verwundbar, stoisch und explosiv zugleich. Man spürt förmlich, dass etwas in ihm brodelt, was auch im zweiten Drittel des Films in einer Szene zum Vorschein kommt. Abermals beweist Jake Gyllenhaal (Jarhead, Zodiac, Donnie Darko, Brokeback Mountain, Brothers, Source Code), dass er zu den besten und vielseitigsten Darstellern seiner Generation gehört.

Interessant ist, dass man bis auf die Geschichte nicht viel über die Personen erfährt. So einiges bleibt dem Betrachtenden und seiner eigenen Interpretation überlassen. Zum Beispiel. Wurde Keller Dover als Kind geschlagen? Hatte er einst ein Alkoholproblem? War Detective Loki Opfer von Missbrauch in seiner Zeit an einer katholischen Schule? 

„Prisoners“ ist der erste Hollywood-Film des franko-kanadischen Regisseurs Dennis Villeneuve, der zuvor mit Filmen wie „Die Frau, die singt“ (Oscarnominierung als Bester Ausländischer Film 2011) „Polytechnique“ für Aufsehen sorgte.
Es wird bei „Prisoners“ ganz schnell klar: Dieser Mann hat Talent. Der Film sieht klasse aus und die spannende und aufwühlende Geschichte wurde in beklemmenden und beunruhigenden Bildern eingefangen. Sonnenschein? Fehlanzeige. Schnee und Regen dominieren die Szenerie. Insbesondere die Kameraarbeit (stoisch und still, was den beobachtenden Charakter unterstreicht) und das Editing sind großartig.  Kein Krimi sah nach „Sieben“ so gut aus und fühlte sich bedrückend und spannend an.

Scheinbar durfte Villeneuve seine Visionen durchsetzten und wurde von den Studios (Warner Bros./Paramount) nicht beschnitten (Gut so!), denn die Story ist stets konsequent und kompromisslos erzählt und nimmt sich auch ausreichend Zeit (153 Minuten!), sich zu entwickeln, ohne dabei jemals an Spannung und Brisanz zu verlieren.
Möglicherweise ist das Ende für den einen oder anderen etwas zu unspektakulär. Wer ein Ende á la „Sieben“ erwartet, wird hier leider enttäuscht. Das Böse steckt hier in einer scheinbar normalen und unscheinbaren Person. Es ist dem Film auch nicht wichtig, den Täter zu dämonisieren oder zu etwas Größerem hervorzuheben , denn diese Geschichte erzählt von normalen und vermeintlich guten Menschen, die in der Lage sind, Schreckliches tun. Aber wären wir das nicht alle?

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Fazit

Villneuves Hollywooddebüt ist Krimi und Charakterstudie zugleich. Dabei entfaltet er eine verstörende und beunruhigende Grundstimmung, die noch lange nachwirkt. Man kann nur hoffen, dass nicht wieder Jahre vergehen müssen, bis ein Krimi dieser Art seinen Weg in unsere Kinos findet.

 [tl-film 10.Oktober 2013#Denis Villneuve#Hugh Jackman, Jake Gyllenhall, Paul Dano, Terrence Howard, Maria Bello, Viola Davis#4,5#Krimi/Drama/Thriller]

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