Filmkritik: Gravity – das Kino hat seine Anziehungskraft noch nicht verloren

Im heutigen Zeitalter der Streams, des Video-on-Demand und sämtlich anderen Videobeschaffungsmaßnahmen gibt es eher selten noch einen Grund den Weg ins Kino zu finden. Dennoch wurden in den letzten Jahren immer wieder neue Einspielrekorde aufgestellt, was aber eher den stetig steigenden Preisen der Eintrittskarten zuzuordnen ist als einer steigenden Affinität fürs Kino. En vogue ist auch der 3D-Aufschlag. Sämtliche Filme werden nur noch in der dritten Dimension angeboten. Ein cleverer Schachtzug der Filmindustrie; so ist die Raubkopie von 3D-Film um ein Vielfaches schwerer, wenn nicht gar unmöglich.

Der künstlerische Effekt der Anwendung der zusätzlichen, dritten Dimension ist wiederrum zumeist ernüchternd. Nicht selten verlässt man den Kinosaal mit dem Gefühl, dass es in nur 2 Dimensionen mindestens genau so gut oder schlecht gewesen wäre. Des Öfteren wirkt das 3D zerfahren, der Hintergrund verschwimmt regelrecht und mancher Zuschauer hat mit Übelkeit und Kopfschmerzen zu kämpfen. Aber es gibt Außnahmen. Manche Filme wissen die 3D-Technik zu nutzen und zeigen der Filmwelt wie man es machen könnte. Man denke da nur an Avatar, Hugo Cabret, Tim und Struppi oder Life of Pi. Auffällig ist, dass jene Filme allesamt von absoluten Meistern ihres Fachs gemacht wurden (Cameron, Scorsese, Spielberg, Lee). Insofern kann man sagen, dass 3D die Fähigkeit, Visionen in Bildern zu fassen, noch deutlicher zum Vorschein bringt – sowohl im guten als auch im schlechten.

Ein weiterer Ausnahmeregisseur  ist der Mexikaner Alfonso Cuarón. Das er zu der höchsten Garde der Filmemacherriege gehört, bewies er spätestens mit seinem düsteren Science-Fiction -Drama „Children of Men“ im Jahre 2006.  Desweiteren führte unter anderem er beim mexikanischen Meilenstein „Y Tu Mamá También“ und beim dritten (und –wie ich finde-  besten) Teil der Harry Potter-Saga („Harry Potter und der Gefangene von Askaban“) Regie.

Nach einer 7-jährigen Unterbrechung folgt nun sein neuester Streich: Gravity, ein Science-Fiction-Film. Wer dachte, dass dieses Genre bereits ausgereizt ist, irrt sich gewaltig. Gravity ist ein Film voller Schönheit, Gefühl und Wucht, der nebenbei die Möglichkeiten des 3D neu definiert. Man sieht die Protagonisten nicht um ihr Leben kämpfen. Man ist förmlich dabei. Aber erstmal eins nach dem anderen.

Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) befindet sich auf ihrer ersten Space-Shuttle-Mission und soll bei einem Außeneinsatz Reparaturarbeiten an einem Weltraummikroskop vollführen. Begleitet wird sie von vier weiteren Astronauten, wobei nur Matt Kowalkski (Georg Clooney) für den Zuschauer von Bedeutung ist.

Doch es kommt zu einem Unglück. Teile eines zerstörten russischen Satelliten fügen großen Schaden an, den bis auf Kowalksi und Stone niemand (Shuttle eingeschlossen) überlebt. Von und geht es ums nackte Überleben, ein Survival-Movie im All, der mit einer schier unendlichen Intensität und Spannung aufwartet. Überschattet wird das ganze noch mit dem Tod von Stone’s Tochter, der ursprüngliche Antrieb Stones ins All zu flüchten, um all Trauer und Schmerz auf dem Planeten Erde zurückzulassen. Zugegebenerweise bedient sich Cuarón hier genre-typischen Elementen, dies tut er allerdings überragend. Der verzweifelte Kampf ums Überleben und Stone’s inneres Ringen darum, ob es sich überhaupt lohnt, für das von Leid geplagte Leben zu kämpfen, sind schlicht herzergreifend.

Und genau das macht den Film aus. Trotz aller Technik und Action und des großem Nichts im All , hat der Film vor allem eins : Herz. Dabei geht der Film über Genre-Konventionen hinaus und stellt auch Bezüge zu religiösen Themen her (Ähnlichkeiten zu Stanley Kubricks „2001-Odysee im Weltraum“ (1968) sind zu erkennen). Muss so etwas Schönes wie den Planeten Erde nicht von einer höheren Macht erschaffen worden sein? Ist der Mensch nicht das einzigartigste Wesen, da er in der Lage ist den blauen Planeten betrachten zu können? Aber auch die evolutionäre Theorie wird in der Schlusssequenz aufgegriffen. Der Film regt zum Denken an und wird auch Nahrung für die eine oder andere philosophische Diskussion liefern.

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Der Film wird nur von einer Person getragen, Dr. Ryan Stone, meisterlich gespielt von Sandra Bullock. Durch den eingeschränkten Bewegungsradius (Stichwort Astronautenanzug) ist die Mimik in diesem Film von noch größerer Wichtigkeit. Doch Bullock hält dem Druck stand und wartet mit einem stets nuancierten Spiel auf, welches sämtlichen Zuschauern die eine oder andere Träne abgewinnen wird. Unterstützt wird sie am Anfang von George Clooney, der seine Rolle wie gewohnt souverän meistert, in dem er sich einfach selbst spielt. Cool, selbstbewusst und immer für einen charmanten Spruch gut. Bullock bleibt aber Herz und Seele des Films. Eine Oscar-Nominierung scheint durchaus wahrscheinlich!

Es gibt nur noch einen größeren Star und das ist der Look. Was dem Kinogänger hier präsentiert wird, ist bahnbrechend. Die visuelle Wucht führt zu vielen Gänsehautmomenten (Stichwort Ganges). Nicht umsonst sagt James Cameron, Mr. Science Fiction Himself, dass Gravity der „beste Weltraumfilm aller Zeiten“ sei. Die Kameraführung (Emmanuel Lubezki)  setzt dabei neue Maßstäbe (mein Tipp: klarer Oscarfavorit für Beste Kamera). Alleine die ersten 13 Minuten haben keinen sichtbaren Schnitt. Einfach meisterhaft! Damit dies möglich ist, entwickelten Cuarón und Lubezki eine neuartige Technik, um lange, „schwerelose Aufnahmen“ (für „Apollo 13“ (1995) musste die Filmcrew gerüchterweise bis zu 600 Parabelflüge über sich ergehen lassen) montieren zu können. Diese aufwendige Technik erklärt auch die Produktionszeit von 4 (!!) Jahren. Sandra Bullock musste bei den Dreharbeiten an ihre körperliche Grenzen gehen, weshalb ihre schauspielerische Leistung noch höher einzuschätzen ist. Untermalt wird das ganze Spektakel von einem Score (Steven Price), der unter die Haut geht und das Gezeigte optimal einfängt. (Hierbei sei noch angemerkt, dass die Actionsequenzen keinen Sound haben, da es im All keinen Schall gibt). Sowohl auf technischer als auch darstellerischer Ebene stimmt einfach alles. Und das bei einem vergleichbar geringen Produktionsbudget von 100 Millionen Dollar (im Vergleich: Amazing Spiderman 230 Millioen $).

Fazit

„Gravity“ ist ein wunderschöner Film, der trotz seiner simplen Handlung existenzielle Fragen aufwirft und den Zuschauer mitnimmt und dabei zum Denken anregt. Dieses Meisterwerk von Film schafft einen beeindruckenden Mix aus Optik (3D ein Muss, am besten IMAX), Anspruch und Unterhaltung. Dieser Film beweist, dass das Kino noch seine Daseinsberechtigung hat. Denn kein Laptop, TV, PC oder Tablet dieser Welt könnte diesen Film auf selbige Art und Weise wirken lassen. „Gravity“ beweist, dass das Kino noch nicht all seine Magie verloren hat. Und dafür möchte ich Alfonso Cuarón danken.

 [tl-film 03.Oktober 2013#Alfonso Curaón#Sandra Bullock#5,0#Science Fiction]

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3 Responses to “Filmkritik: Gravity – das Kino hat seine Anziehungskraft noch nicht verloren”

  1. […] Start gab es eine Filmkritik zu Gravity, dem neuen Film mit Sandra Bullock und George Clooney. Ich hoffe, dass euch Felix Stil gefällt und […]

  2. A aus B sagt:

    Gute Kritik.