Filmkritik: American Hustle – Von ulkigen Gaunern und Betrügern

David O. Russell zählt heutzutage zu den großen Erzählern im amerikanischen Kino. Er macht nicht nur einfach Filme, er erzählt vor allem Geschichten. Das mit so großer Besessenheit, dass es mitunter nicht sonderlich angenehm ist, mit ihm zu arbeiten. Unvergessen bleibt der Zwist mit George Clooney bei den Dreharbeiten zu „Three Kings“ (Golfskrieg-Tragikomödie), der laut einigen Quellen in Handgreiflichkeiten endete. Ein paar Jahre später durchging er eigenen Angaben nach eine Identitätskrise, was ihm zum Umdenken brachte. Der erste Film des „neuen“ David O. Russell war das Boxer-Drama „Fighter“ mit Mark Wahlberg, Christian Bale und Amy Adams, was sowohl Kritiker als auch Kinogänger zu überzeugen wusste und zahlreiche Auszeichnungen erhielt – unter anderem Oscars für Christian Bale und Melissa Leo in den Nebenrollen. Der zweite Film nach seiner filmischen „Wiedergeburt“ war „Silver Linings Playbook“ mit Bradley Cooper, Jennifer Lawrence (Oscar für Beste Hauptdarstellerin – wieso ist mir bis heute nicht ganz schleierhaft) und Robert De Niro (wiedererstarkt!), der genau wie sein voriges Werk auf ganzer Linie überzeugen konnte, auch wenn ich das Ende als zu hollywood-typisch empfand, was bei mir einen leicht faden Nachgeschmack hinterließ.

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Nun erscheint also sein drittes Werk, „American Hustle“ (auf deutsch „American Bullshit“, warum auch immer), ein Film über Betrüger und Fälscher in den 1970ern Jahren. Betrachtet man den Cast, läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Robert De Niro, Jeremy Renner, Amy Adams, Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Bradley Cooper, Christian Bale. Talent en masse und ganz offensichtlich eine Symbiose seiner beiden vorigen Filme (siehe oben; scheinbar ist eine Zusammenarbeit mit O. Russell angenehmer geworden). Doch kann auch diese Ansammlung an Hollywood A-List-Darstellern liefern?

 

Irving Rosenfeld (Christian Bale) ist ein Betrüger, der grad so über seine Runden kommt. Als er Sydney Prosser (Amy Adams) kennen und lieben lernt, welche eine neue Identität annimmt, kommt sein illegales Geschäftsmodell ins Rollen und zusammen werden beide wohlhabend. Das ganze kommt jedoch abrupt zum Ende, wenn sie vom FBI, angeführt vom karrieregeilen und opportunistischen FBI-Agenten Richie DiMaso (Bradley Cooper), überführt werden. Allerdings hat DiMaso Größeres im Sinn und bietet Rosenfeld einen Deal an: Die Überführung größerer Fische (Politiker, Ganoven etc.) mit Rosenfelds und Prossers Hilfe durch deren Know-How und Beziehungen,und im Gegenzug bleiben beide auf freiem Fuß. Was anfänglich als eine machbare Aufgabe erscheint, wird mit der Zeit immer komplizierter und am Ende versucht jeder, am besten aus der verzwickten Nummer herauszukommen.


Liest man sich die Handlung durch, könnte man meinen, es mit einem genretypischen Gangster-Film zu tun zu haben. Das ist aber keineswegs der Fall- „American Hustle“ ist so vielschichtig, dass es diffizil ist, den Film in eine Kategorie zu quetschen. Dies ist eine große Stärke O. Russells und Parallelen zu Scorsese sind nicht zu übersehen. Neben den Gaunerszenen bietet der Film zahlreiche groteske und schier lustige Szenen, aber auch melancholische und nachdenkliche. Das das Ganze funktioniert, liegt den tollen Dialogen und der gewieften filmischen Umsetzung zu Grunde. Jede Einstellung sitzt, die Ausstattung ist super und der Soundtrack extraklasse. Das ist überragendes Kino. Dazu gesellt sich geniales Schauspiel. Jede Figur (mit Abstrichen Louis C.K.s Stoddard Thorsen ) überzeugt aufs Ganze- der Cast treibt sich gegenseitig in Höchstform. Bradley Cooper spielt mit seiner zwiespältigen Figur gekonnt auf; selbiges gilt für Jennifer Lawrence als Irvings Noch-Frau Rosalyn Rosenfeld, die an völligem Realitätsverlust zu leiden scheint, was die Mission stets verkompliziert; Amy Adams demonstriert wiederholt ihre ganze Klasse; und generell bringt jeder Darsteller sein ganzes Talent im Sinne des Filmes ein. Der große Star ist aber Christian Bale. Für diese Rolle hat er merklich zugenommen (ist das noch gesund?) und sich den Schädel rasiert, um ihn dann mit dem Seitenhaar zu überkämmen. Kurz gesagt: Er entspricht nicht dem Bild eines Adonis und dennoch versteht man, wie es ihm gelingt, Frauen à la Rosalyn oder Sydney für sich zu gewinnen. Seine Rolle strahlt eine Faszination aus, die wie der Film schwierig zu beschreiben ist, und wenn er zwischenzeitlich zum nassen Pudel gerät, versprüht er mit seiner ganzen Melancholie beim Zuschauer Mitleid. Doch trotz alledem besitzt seine Figurg Pfiffigkeit, Dreistigkeit und Kalkül (andererseits ist er aber auch liebenswert und treudoof, was manche Sachlage erschwert ), die ihm immer wieder aus prekären Situationen befreien. Diese mehrschichtige Person verkörpert Bale mit so viel Können, Gusto und Überzeugung , dass jede Szene mit ihm zu einem absoluten Highlight wird.

Obwohl „American Hustle“ sicherlich keine Komödie im klassischen Sinne ist, bietet er so viele ulkige und teils urkomische Szenen (Situationskomik wird hier groß geschrieben), dass man ihn stets mit einem Lächeln im Gesicht anschaut. Dennoch, im Kern ist und bleibt der Film eine Charakterstudie, der seine Figuren observiert, seziert und so beim Publikum Fragen aufkeimen lässt. Wo und wann fängt eigentlich Korruption an? Wie weit darf man gehen, um seine eigene Karriere gezielt zu fördern? In diesem Film, das wird einem zunehmend bewusst, gibt es kein Gut und Böse. Kein Schwarz und Weiß. Alles ist irgendwie grau, wie es der von Christian Bale verkörperte Trickbetrüger treffend beschreibt. Analog verhält es sich mit „American Hustle“, er ist von allem etwas, ohne sich dabei festlegen zu wollen. Und gerade das macht ihn so wunder- und sonderbar!


Fazit

Ulkig, unterhaltsam, traurig, intelligent und einfach anders – mit einem Christian Bale der Extraklasse (inkl. dickem Bauch!)! David O. Russel liefert mit „American Hustle“ seinen bis dato besten Film, der bei der diesjährigen Verleihung des Oscars Mitfavorit sein dürfte (vor allem in den Kategorien Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch und Beste Darsteller/innen).

[tl-film 13.Februar 2014#David O. Russell#Christian Bale, Bradley Cooper, Amy Adams, Jennifer Lawrence#4,5#Thriller, Drama]

[tl-bildquelle https://www.facebook.com/AmericanHustle/photos_stream Official Facebook Page of American Hustle]

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